Interview mit PD Dr. Lena Illert und Prof. Dr. Melanie Börries zum Molekularen Tumorboard (MTB) des Universitätsklinikums Freiburg

Ein molekulares Tumorboard (MTB) ist eine interdisziplinäre, organübergreifende Konferenz, in der die klinisch-pathologischen Daten und molekularen Befunde von ausgewählten Patienten mit Krebs besprochen werden. Ein interdisziplinäres Team aus Ärzten und Wissenschaftlern stimmt darüber ab, welche Therapieoptionen auf Basis der vorliegenden Daten die besten Chancen zur Bekämpfung des Tumors versprechen. Im MTB des Freiburger Uniklinikums wird demonstriert, wie man die technischen Voraussetzungen für die Gestaltung eines MTBs schaffen bzw. optimieren kann. Das Freiburger MTB richtet sich vor allem an Patienten, bei denen alle leitliniengerechten Therapieoptionen bereits ausgeschöpft wurden. Es bietet aber auch Hilfe für Menschen, die unter einer seltenen Tumorerkrankungen leiden und für die leitliniengerechte Therapieoptionen bislang fehlen. Das Freiburger MTB bildet den Kern des Use Case 3 des MIRACUM-Konsortiums.

Die Ärztinnen und Wissenschaftlerinnen PD Dr. Lena Illert und Prof. Dr. Melanie Börries, die mit Prof. Dr. Silke Laßmann die 14-tägigen Sitzungen des Freiburger MTB leiten, erklären im Interview Vorbereitung, Prozedere und Anspruch.

PD Dr. Lena Illert_Prof. Dr. Melanie Börries
Wie läuft eigentlich eine Sitzung des MTBs ab? Lena Illert (l.) und Melanie Börries (r.) widmen ihr professionelles Leben der Bekämpfung von Tumoren. Foto: Cornelia Wels-Maug

Welche Vorbereitungen gehen einer Sitzung des MTB voraus?
Illert: Wir beginnen grob eine Woche vorher mit den inhaltlichen Vorbereitungen. Prinzipiell kann jede(r) hausinterne Arzt/Ärztin seine/ihre Patienten im MTB anmelden. Das Board selber wird von behandelnden Ärzten und sogenannten Entitätenspezialisten mitgestaltet, wobei jeder Arzt seine eigenen Fälle klinisch vorstellt. Die Ansicht und Beurteilung der molekularen Befunde erfolgt dann durch die jeweilig zuständigen Entitätenexperten und natürlich auch durch unser Sprecherteam. Donnerstagabends verschicken wir die „Fall-Liste“ des anstehenden Boards, bei dem jeder Board-Teilnehmer die für ihn relevanten Fälle erhält. Extern angemeldete Patienten werden unter uns Kollegen – Ärzte und Entitätenspezialisten – aufgeteilt. Bei lang dauernder Diagnostik klären wir selbstverständlich auch den klinischen Zustand des Patienten ab, damit eine etwaige Therapie-Option auch noch umgesetzt werden könnte. Im Schnitt besprechen wir ca. 40 Patienten pro Sitzung.
Börries: Für das Board überprüfen die Experten Literatur und verfügbare klinische Studien; parallel untersuchen die Molekularpathologen die individuelle Tumorpathologie und bei durchgeführten Sequenzierungen werden diese von der Medizinischen Bioinformatik und Systemmedizin analysiert und die Ergebnisse in Form einer Präsentation vorgestellt. Pro Patient/in gibt es einen standardisierten ca. 15-seitigen PDF-Report. Die Therapieempfehlungen basieren auf Evidenzleveln – es wurde bisher immer ein Konsens gefunden – auch nach Diskussionen.

Wie arbeiten die Organboarde mit dem MTB zusammen?
Börries: Die Organtumorboarde, die am Comprehensive Cancer Center Freiburg (CCCF) angesiedelt sind, behandeln Patienten leitliniengerecht entsprechend der Tumorherkunft. Über diesen 22 Organboarden sitzt das MTB, an das Patienten überwiesen werden, wenn sie darauf nicht mehr ansprechen oder wenn es sich
um eine seltene Tumorerkrankung handelt. Nach der Bestimmung der genetischen Eigenschaften der Tumorzellen und einem Abgleich mit internationalen Datenbanken, insbesondere der des Memorial Sloan Kettering Cancer Centers, überprüfen wir gezielt die therapeutische Wertigkeit und weitere Wirkstoff-Optionen.

Woher kommt das MTB und wie wurde es zum Use Case 3?
Börries: Das CCCF gründete das MTB 2015, um den Bereich der personalisierten Medizin zu stärken. In der ersten Sitzung hatten wir vier Patienten, 2018 wurden bereits 500 Patienten vorgestellt und 2019 verdoppelte es sich auf 1.000 Fälle. Wir sind also auch gezwungen, Prozesse zu vereinfachen und zu standardisieren. Innerhalb des Deutschen Konsortiums für Translationale Krebsforschung (DKTK) mit seinen Standorten hatte Freiburg als erstes ein eigenständiges MTB. Wir setzen unter anderem das Whole Exome Sequencing (WES) ein und haben dafür eine spezielle Bioinformatik-Pipeline, die sogenannte MIRACUM-Pipe, entwickelt, um die Anforderungen an die Datenanalyse des Genoms und die klinische Annotation abzudecken. Diese wurde kürzlich auch vom Berufsverband Deutscher Humangenetiker im Rahmen eines NGS-Ringversuches zertifiziert. Seit 2017 beschäftigen wir uns im Rahmen des Use Case 3 mit der Fragestellung, welche Anpassungen notwendig sind, um die aus der MIRACUM-Pipe resultierenden Ergebnisse im cBioPortal auch als Visualisierungs- und diagnostisches Tool einsetzen zu können, damit es bei der Interpretation des Tumors und der Formulierung der Therapieempfehlung hilft.

Vor welchen Herausforderungen steht die molekulare Onkologie aus pharmakologischer Sicht?
Illert: Historisch erfolgt die Zulassung von Medikamenten nur in bestimmten Tumorentitäten und muss für jede einzelne zusätzliche Entität neu beantragt werden. Dieser Ansatz ist konträr zu der molekularen Onkologie, die den Tumor nicht nach seiner Herkunft, sondern nach seinen molekularen Aberrationen einteilt. Insofern empfehlen wir im MTB, dass z.B. eine Mamma-CA-Patientin, deren Tumor die gleiche molekulare Aberration beinhaltet, die z.B. bei einem Lungenkrebspatienten erfolgreich behandelt werden konnte, dieselbe molekulare Therapie erhält. Hierfür fehlt aber eine Zulassung, so dass der Großteil unserer Therapieempfehlungen „Off-Label“-Therapieempfehlungen sind. Die Zulassungsstrategie ist jedoch gerade im Wandel: 2019 wurde erstmals ein entitätenübergreifendes molekulares Medikament zugelassen.
Börries: Eine Konsequenz der "Off-label"-Verordnung ist, dass sich Krankenkassen nur in gut begründeten Ausnahmefällen zu einer Kostenübernahme bereiterklären. Die zusätzlichen Anträge bedeuten für uns einen enormen Zusatzaufwand.

Was haben Sie in den letzten Monaten erreicht und was ist der nächste Schritt für den Use Case 3?
Börries: Die MIRACUM-Pipe konnte an alle Standorte verteilt und zur WES genutzt werden, jeder Standort hat sein eigenes cBioPortal und für Kliniker wird eines vorbereitet. Es soll ihnen zur Vorbereitung eines MTBs dienen und Auskunft über klinische Studien und Medikationen geben. Gleichzeitig eröffnet ein offenes Schreibfenster, Therapieempfehlungen einzugeben. Als nächstes steht die Qualitätsprüfung auf unserer Agenda. Wir entwickeln einen Standard, um die generierten Ergebnisse an allen Standorten vergleichbar zu machen. Zudem müssen wir klären, ob es sich bei der MIRACUM-Pipe und dem Nutzen von cBioPortal um Medizinprodukte handelt.

PD Dr. Lena Illert
Die Internistin mit Schwerpunkt Hämatologie/Internistische Onkologie ist seit 2013 an der Klinik für Innere Medizin I des Freiburger Uniklinikums und seit 2019 geschäftsführende Oberärztin der Klinik. Für ihre Habilitationsschrift erhielt sie 2015 den Mathilde-Wagner-Preis des Gleichstellungsbüros der Medizinischen Fakultät der Universität Freiburg und wurde 2017 für ihre Krebs-Grundlagenforschung mit dem Preis der Eleonore-und-Fritz-Hodeige-Stiftung ausgezeichnet. Illert ist klinische Co-Direktorin des CCCFs und Sprecherin des Freiburger MTBs.
Prof. Dr. Dr. Melanie Börries
Die 2004 an der Universität Lübeck promovierte Medizinerin erwarb 2005 den Doktorgrad in Zellbiologie an der Universität in Basel, während sie gleichzeitig ihre klinische Ausbildung in der Kardiologie am Inselspital in Bern fortsetzte. Bis 2009 war sie Postdoktorandin am Institut für Experimentelle und Klinische Pharmakologie und Toxikologie an der Universität Freiburg, wo sie zwischen 2009 und 2012 Projektleiterin am Freiburg Institute for Advanced Studies war. Sie verlegte ihren Fokus auf Systembiologie und angewandte Methoden in der Bioinformatik mit dem Schwerpunkt patientenorientierte Forschung. Seit 2013 ist sie Gruppenleiterin des Deutschen Konsortiums für Translationale Krebsforschung. Börries ist seit Juni 2019 Professorin für Medizinische Bioinformatik und Direktorin des Instituts für Medizinische Bioinformatik und Systemmedizin am Uniklinikum Freiburg. Sie ist Leiterin des Use Case 3 von MIRACUM sowie Sprecherin des Freiburger MTBs.

Quelle: MIRACUM Journal Nr. 3, S. 46-47.