Interview mit Maximilian Kurscheidt (Hochschule Heilbronn) und Dr. Judith Wodke (Universitätsmedizin Greifswald)

Berlin, 06.07.2026. In diesem Interview blicken Maximilian Kurscheidt und Dr. Judith Wodke, langjährige Sprecher der Taskforce „Übergreifende Schnittstellen“, auf mehr als vier Jahre gemeinsamer Arbeit in der Medizininformatik-Initiative (MII) zurück. Sie sprechen über zentrale Erfolge bei der Entwicklung interoperabler Schnittstellen, die Bedeutung standortübergreifender Zusammenarbeit sowie die Perspektiven für die Weiterentwicklung der aufgebauten Infrastruktur im Netzwerk Universitätsmedizin (NUM). Maximilian Kurscheidt ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Hochschule Heilbronn. Judith Wodke arbeitet als Junior Research Group Leader an der Universitätsmedizin Greifswald. Unterstützt wurde die Taskforce von Robert Krock, Projektmanager bei der TMF/MII-Koordinationsstelle.

Wie würden Sie die Arbeit der Taskforce Übergreifende Schnittstellen im Rückblick beschreiben und wie hat sie sich entwickelt?
 

Maximilian Kurscheidt (MK): Die Taskforce Übergreifende Schnittstellen (TF ÜS) wurde im Januar 2022 als gemeinsame TF der Arbeitsgruppen Interoperabilität und Data Sharing der Medizininformatik-Initiative (MII) gegründet. Ziel der TF war es, die technische Abstimmung zwischen Konsortien, Infrastrukturprojekten und dem Forschungsdatenportal für Gesundheit (FDPG) auf Arbeitsebene zu ermöglichen. Im Mittelpunkt standen interoperable Schnittstellen, die zentrale Prozesse wie Machbarkeitsabfragen, Datenaustausch und Analysen in der heterogenen Landschaft der Datenintegrationszentren standortübergreifend unterstützen. Ein zentraler Grundsatz und Erfolgsfaktor war, keine Produkte oder Plattformen vorzugeben, sondern offene Schnittstellen und Spezifikationen zu definieren. So konnten sich die Standorte an die föderierte Infrastruktur anbinden und zugleich lokale Lösungen berücksichtigen.

Über vier Jahre hinweg hat die TF nahezu wöchentlich getagt und regelmäßig bis zu 25 Expertinnen und Experten zusammengebracht. Damit hat sie eine konstruktive Plattform für fachlichen Austausch, technische Abstimmung und gemeinsames Gestalten geschaffen. Für die aktive und intensive Mitarbeit möchten wir uns bei den Mitgliedern ausdrücklich Bedanken! 

Könnten Sie die Rolle beschreiben, die die TF in der Abstimmung zwischen den Arbeitsgruppen und den technischen Bereichen in der MII gespielt hat?

Judith Wodke (JW): "Die Taskforce hat eine Brückenfunktion zwischen Projekten, Infrastrukturkomponenten und Akteuren der MII übernommen."

Viele technische Entscheidungen wirkten und wirken über einzelne Vorhaben hinaus. Durch die gemeinsame Diskussion konnten Abhängigkeiten früh erkannt, Schnittstellen abgestimmt und Parallelentwicklungen vermieden werden.

Eine besondere Rolle spielte dabei die enge Zusammenarbeit mit den Arbeitsgruppen Interoperabilität und Data Sharing, da viele Fragestellungen genau an der Schnittstelle beider Bereiche lagen und fachliche wie technische Abstimmung erforderten. 

Welche konkreten Ergebnisse der Taskforce würden Sie besonders hervorheben?

MK: Besonders hervorzuheben ist zunächst das übergreifende Architekturmodell der MII-Infrastruktur. Es beschreibt zentrale Komponenten, Rollen und Schnittstellen und hat damit eine gemeinsame Grundlage für viele technische Abstimmungen geschaffen.

Ein weiteres wichtiges Ergebnis sind die Beschreibungen der Schnittstellen für die übergreifenden MII-Prozesse und Komponenten: Machbarkeitsabfragen, Middleware-Komponenten, Verfahren zur Deidentifizierung, Minimalisierung und Pseudonymisierung (DIMP) sowie Data Sharing. Diese Spezifikationen haben unterschiedliche Implementierungen standortübergreifend interoperabel zusammengeführt.

Die Referenzpipeline für Datennutzungsprojekte über das FDPG beschreibt das Zusammenspiel unterschiedlicher Werkzeuge entlang der zentralen Prozessschritte, von der Machbarkeitsabfrage über Datenselektion und -extraktion, Validierung und DIMP bis zur Ausleitung und unterstützt diese weitgehend automatisiert. Standorte können die Referenzpipeline an ihre lokalen Infrastrukturen anpassen, solange sie die definierten Schnittstellen und den übergreifenden Prozess bedienen.

Gibt es aus Ihrer Sicht weitere wichtige Ergebnisse?

MK: Ein weiterer wichtiger Aspekt war die Entwicklung von Werkzeugen, deren Bedarf erst im Verlauf der TF-Arbeit sichtbar wurde, aber häufig nicht durch Projekte finanziert wurden. Ein Beispiel ist der FHIR Referenz Validator für den MII-Kerndatensatz. Er hilft den Standorten, die Konformität ihrer Implementierungen zu prüfen und verbessert die Qualität und Vergleichbarkeit der Daten.

Welche Themen hat die MII insgesamt besonders vorangebracht?

MK: Die MII hat vor allem dadurch Wirkung entfaltet, dass in unterschiedlichen Projekten zentrale Infrastrukturkomponenten entstanden sind, die nicht nur für einzelne Use Cases entwickelt wurden. Zum Beispiel das Data Sharing Framework, der Blaze FHIR Server, die FDPG+-Werkzeuge, der Kerndatensatz oder Terminologieservices adressieren Anforderungen föderierter Forschungsdateninfrastrukturen und sind in unterschiedlichen Kontexten einsetzbar.

Entscheidend war dabei das Zusammenspiel der Komponenten, die in der TF diskutiert, aufeinander angepasst und in die Gesamtarchitektur der MII eingeordnet wurden. Dadurch wurden aus projektbezogenen Entwicklungen wiederverwendbare Infrastrukturbausteine für Machbarkeitsabfragen, Datennutzung und Datenaustausch.

"Diese Nachnutzbarkeit ist ein besonders wichtiger Beitrag der MII. Sie zeigt, dass die entwickelten Lösungen über die ursprünglichen Projekte hinaus relevant sind und für weitere nationale Forschungsinitiativen sowie perspektivisch für europäische Entwicklungen wie den European Health Data Space eine tragfähige Grundlage bilden können."

Welche Themen werden die Arbeit in der kommenden Zeit besonders prägen?

JW: Wir befinden uns aktuell auf der Zielgeraden der MII. Im kommenden halben Jahr werden uns neben der Fertigstellung laufender Arbeiten vor allem die Kommunikation der erzielten Ergebnisse und die Überführung der entwickelten Konzepte und Infrastrukturkomponenten in nachhaltig betreibbare Strukturen beschäftigen.

Mit der Überführung der Datenintegrationszentren in das NUM entstehen zugleich neue Aufgaben. Aus meiner Sicht wäre es sehr wünschenswert, diese Form der standortübergreifenden technischen Abstimmung in den neuen Strukturen zu verstetigen. Technisch werden mit der neuen NUM-DIZ Förderphase insbesondere standardisierte Testdaten, die softwaregestützte Unterstützung verteilter Analysen sowie transparente und vergleichbare Informationen zur Datenqualität an Bedeutung gewinnen. Diese Themen bauen direkt auf den MII-Grundlagen auf und sind entscheidend für eine weitere Skalierung.

Wie bewerten Sie die zukünftige Entwicklung und Nutzung der MII-Ergebnisse?

JW: "Ich sehe die Zukunft der MII-Ergebnisse vor allem in der Weiterführung und Skalierung der aufgebauten Infrastruktur. Mit den Datenintegrationszentren und den gemeinsam entwickelten Schnittstellen verfügt Deutschland über eine Infrastruktur, die alle Universitätskliniken vernetzt und die Grundlage für standortübergreifende Datennutzung bildet."

Durch offene Standards wie FHIR, Open-Source Infrastrukturkomponenten und die föderierte Architektur sind die Konzepte skalierbar und können im NUM breiten Mehrwert schaffen. Entscheidend wird, standort- und forschungsdateninfrastrukturübergreifend zusammenzuarbeiten. Der kontinuierliche Fokus auf offene Standards, Open Source und klar spezifizierte Schnittstellen ist zentral, um Interoperabilität zu sichern und Vendor-Lock-ins zu vermeiden.

Welche Rolle spielen Industrie, Start-ups und andere externe Akteure im Vergleich zu den MII-internen Projekten (insbesondere Modul 2) und in der Translation?

MK: Bisher spielten Start-ups und Unternehmen in den technischen Arbeiten der MII und der TF eher eine nachgelagerte Rolle. Die wesentlichen Konzepte, Standards und Infrastrukturkomponenten entstanden im Rahmen der Forschungsförderung. Mit dem Auslaufen der Förderphase gewinnt die Translation an Bedeutung. Viele Komponenten müssen nun in nachhaltige Betriebs- und Weiterentwicklungsmodelle überführt werden.

Wir erachten hier einen Perspektivwechsel für notwendig: Viele Softwarelösungen sollten künftig nicht mehr primär als Forschungsprojekte gesehen werden, sondern als Infrastrukturkomponenten für die medizinische Forschung. Dafür braucht es verlässliche Strukturen für Wartung, Support, Qualitätssicherung und Weiterentwicklung.

Gerade hierfür wird die Zusammenarbeit zwischen wissenschaftlichen Einrichtungen, öffentlichen Trägerstrukturen, Start-ups und Unternehmen zunehmend wichtiger. Forschungseinrichtungen bringen fachliche Anforderungen, Domänenwissen und die Nähe zu den Versorgungs- und Forschungsprozessen ein. Öffentliche Einrichtungen können Rahmenbedingungen für Governance, Finanzierung und nachhaltigen Betrieb schaffen. Unternehmen und Start-ups können insbesondere bei Maintenance, Support, Service Level Agreements und produktnaher Weiterentwicklung Verantwortung übernehmen. Langfristig wird es darauf ankommen, diese Rollen in einem tragfähigen gemeinsamen Ökosystem zu bündeln.

Das Interview führte die MII-Koordinationsstelle c/o TMF e.V.